Es gibt so Bücher, die gehören einfach in jeden Haushalt. Collection des verlorenen Wissens ist zum Beispiel so eines. Grundrezepte für Brot, Marmelade, ordentliche Soßen und Braten, Altbekanntes zur Blumenpflege … ach, was rede ich – Altbekanntes! Meine Nichte Tina rühmt sich ständig, einen braunen Daumen zu haben – Schuld sei, so behauptet sie, ihr Zeitmangel. Zugegeben, bei ihrem Gerede wird mir auch immer ganz schwindlig: Aufstehen, Kinder einpacken, zum Kindergarten hetzen, Laura abliefern, zur Schule hetzen, Christopher abliefern, zu mir hetzen, Luka abliefern, zur Arbeit hetzen – und nach der Arbeit alle wieder einsammeln – so pünktlich wie möglich, versteht sich.
Und nachmittags geht’s erst richtig los: Musikunterricht, Sportverein, Theatergruppe und wat weeß ick noch – verzeihen Sie meinen Dialekt – damit die Nachmittage schön ausgefüllt sind und meine Nichte um Himmelswillen das Auto fahren nicht verlernt. Zumindest habe ich den Eindruck – sie sieht das natürlich anders.
Wie dem auch sei. Ich habe ihr das Buch bei meinem letzten Besuch mitgebracht und ihr Augenrollen geflissentlich übersehen. Zum Glück sind die Frauen unserer Familie seit jeher von Natur aus neugierig. Deswegen konnte meine Nichte auch nicht der Versuchung widerstehen, einen Blick in das Buch zu werfen. Prompt rief sie mich an und beschwerte sich erst einmal darüber, dass ja auch das Vaterunser, das Evangelische und Katholische Glaubensbekenntnis und all so „Zeug“, wie sie es ausdrückte, in dem Buch stehen. Sie ist nämlich zwanghaft ungläubig, müssen Sie wissen.
„Stimmt“, sagte ich, „aber auch Abzählreime, Märchen in Kurzform, Goethe, Schiller und Heine. Von den Haushaltstricks, die gerade du gebrauchen kannst, mal nicht zu reden.“ Darauf folgte eine unserer berüchtigten hitzigen Diskussionen, die Nichte Tina ganz schnell mit dem Hinweis beendete, dass sie auf solche Mittelchen und rückwärts gewandte Ideen verzichten kann – genau deshalb fragt sie mich ja auch immer, wenn sie Hilfe braucht, nehme ich mal an. Und bei meinem letzten Besuch lag das Buch ganz bestimmt nur aus dekorativen Gründen auf Nichte Tinas Arbeitsplatte in der Küche.